so sagen könnte, zum Echo der nackten Figur in der offenen Tiefe? «Ein offense Ohr ...

Balkentext* 2019/2020

«… die nackte Figur, die aus dem Schacht steigt, sondern wird zur Resonanz dieses Schachtes - oder, falls man das so sagen könnte, zum Echo der nackten Figur in der offenen Tiefe? «Ein offense Ohr haben» im Sinne von «Gehör schenken, offen sein für die Belange» – dieser Ausdruck ist heutzutage in einem Register philanthropischer Empfindelei befangen, in dem in der guten Absicht die Verachtung mitschwingt, oft auch mit frömmelndem Beiklang, sozusagen in frommer Tonart. So zum Beispiel in starren Phrasen wie «ein offenes Ohr haben für die Belange der Jugend, des Viertels, der Welt.» Ich möchte es hier aber in anderen Registern vernehmen, in ganz anderen Tonarten und zuallererst in einer ontologischen Tonart: Was ist ein dem Hören hingegebenes Sein, vom oder im Hören gebildet und mit seinem ganzen Sein hörend? … Um welches Geheimnis handelt es sich, wenn man im eigentlichen Sinne zuhört, horcht, lauscht, sprich, wenn man sich bemüht, eher die Klanglichkeit zu fassen oder zu erhaschen als der Botschaft? Welches Geheimnis gibt sich Preis - und macht sich also publik -, wenn wir einer Stimme, einem Instrument oder einem Geräusch um ihrer selbst willen lauschen?»


Jean Luc Nancy
Zum Gehör, Diaphanes, Zürich, 2014


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