bis der Elefant schläft, um zuzuschlagen, aber du musst sicher sein, dass er ...

Archiv: Programme früherer Jahre: 2010/2011


1 Radian Mittwoch, 13. Oktober 2010, 20.30

2 zweierlei Samstag, 30. Oktober 2010, 20.30

3 Hörlounge #4: Peter Roehr Samstag, 22. Januar 2011, 14.00

4 Time Motions Samstag, 29. Januar 2011, 20.30

5 Europe on the Move Mittwoch, 27. April 2011, 20.30

6 Billone: 1+1=1 Donnerstag, 5. Mai 2011, 20.30


Wie klingt die neuste Musik? Wie sieht sie aus? Jedes Jahr suchen wir nach Musik, die wir noch nicht kennen, die wir besser kennenlernen wollen, die dringend neu kennengelernt werden muss — nach Musik, die durch Eigensinnigkeit überzeugt, nach Musik, die überrascht. Die Saison 2010/11 eröffnen wir im Oktober mit dem Wiener Trio Radian, dessen kraftvolle Musik das Resultat langjähriger Experimente im Grenzbereich zwischen Rock und Neuer Musik ist. Ende Oktober feiern wir zweierlei. Mit Konzert und anschliessendem Fest taufen wir die neuste CD/DVD des Kontrabass-Duos Studer-Frey. Im Januar 2011 findet unsere zur Tradition gewordene Hörlounge statt. In der Villa Egli stellt der Musikwissenschaftler Peter Révai Tonband-Arbeiten des Minimal Art- Vordenkers Peter Roehr vor. Ebenfalls im Januar präsentiert das Ensemble Phoenix Uraufführungen von Michael Wertmüller und Alex Buess. Europe on the Move heisst das Multimediaprogramm von Barbara Lüneburg und Marko Ciciliani: Ein Abend für Violine, E-Violine, Live-Elektronik, Live-Video, Laser und Licht mit Musik von Yannis Kyriakides, Alexander Schubert, Marko Ciciliani, Dai Fujikura und Henry Vega.

Am Ende der Saison heisst es 1+1=1. Der Komponist Pierluigi Billone lässt über 72 Minuten Dauer und über 15 Meter räumliche Distanz zwei Bassklarinetten zu einem Gesamtklang verschmelzen. Wir wünschen unserem Publikum und unseren Gästen viel Freude und Neugier in der kommenden Konzertsaison der ignm zürich.

Lara Stanic


1

Mittwoch, 13. Oktober 2010, 20.30

Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.walcheturm.ch, www.radian.at

Radian

Martin Brandlmayr (Drums, Vibraphon, Sampler, Sequencer) Stefan Németh (Gitarre, Synthesizer) John Norman (Bass)

Das Wiener Trio Radian operiert seit mittlerweile über zehn Jahren an den ästhetischen Schnittstellen von (Post-)Rock, Electronica, freier Improvisation und Neuer Musik. De- und rekonstruierend greifen sie auf die unterschiedlichen musikalischen Felder zu und finden dabei zu einer eigensinnigen zeitgenössischen Musik. Von der instrumentalen Besetzung her eine Art erweitertes Rock- oder Jazz-Trio entstehen ihre Stücke in mikroskopischer Feinarbeit im Studio. Aus der Überlagerung von live eingespielten Klängen und deren elektronischer Bearbeitung resultiert eine Musik mit der physischen Kraft des Rocks und der klanglichen Kontrolliertheit Neuer Musik.

Martin Brandlmayr, der Schlagzeuger der Gruppe, ist in zwei weiteren Formationen aktiv, die in den vergangenen Jahren bei der ignm zürich zu Gast waren. Polwechsel gastierten 2003 in Zürich (damals noch ohne Brandlmayr), das Quartett von Otomo Yoshihide und Sachiko M (mit dem Trompeter Axel Dörner und Martin Brandlmayr am Schlagzeug) trat im Jahr 2007 bei der ignm zürich auf — zwei Formationen, die sich ebenfalls in musikalischen Zwischenbereichen bewegen, wenn auch mit äusserst unterschiedlichen klingenden Resultaten.

Tobias Gerber


2

Samstag, 30. Oktober 2010, 20.30

Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.walcheturm.ch, www.studer-frey.ch

zweierlei

Konzert und CD/DVD-Taufe

Daniel Studer (Kontrabass) Peter K Frey (Kontrabass)

Anschliessend Fest

«... in gängige Formeln lässt sich dieses Musizieren kaum zwingen, denn es ist ständig im Fluss und doch bei der Sache, bleibt konsequent und überrascht doch immer wieder. Es ist ein Musizieren, das unaufdringlich und doch frisch bleiben kann, das nicht Kategorien oder Denkmuster bestätigen soll .. . ... all dieses Material wird hier so ganz selbstverständlich zur Klangrede, zu einem Dialog, frei und doch gebunden, improvisiert und doch wie komponiert: Wobei alles Ostentative fehlt. Die beiden diskutieren am Material, aber sie verbohren sich nicht darin. Dafür haben sie viel zu viel Esprit ...» (Thomas Meyer)

Lara Stanic


3

Samstag, 22. Januar 2011, 14.00

Villa Egli, Höschgasse 4, 8008 Zürich

Hörlounge #4: Peter Roehr

Der Musikwissenschaftler Peter Révai präsentiert Tonband-Arbeiten des Malers, Objektkünstlers und Pionier der Minimal Art Peter Roehr und stellt sie in Kontext mit Roehrs bildnerischen Arbeiten.

Gibt es einen Anfang und ein Ende? Und wer bitte ist Peter Roehr? Er gilt als der deutsche Andy Warhol, wurde nur 23 Jahre alt und war aus künstlerischer Sicht ein zwanghafter «Wiederholungstäter». Peter Roehr (1944-1968) wuchs in Frankfurt auf und machte eine Lehre als Leuchtreklamen- und Schilderhersteller. Von 1962 bis 1965 war er an der Werkkunstschule in Wiesbaden. Es blieben ihm nur wenige Jahre, um sein einzigartiges OEuvre zu schaffen: 600 Arbeiten, die nur ein einziges Thema haben: die Wiederholung. Wiederholte Buchstaben, wiederholte Klebezettel, wiederholte Fotografien, wiederholte Tonschleifen.

Roehrs Zeit war auch die des jungen Andy Warhol, der 1962 die Factory gründete. Durch die Wiederholung von Alltagsmotiven aufzuzeigen, was im gedankenlosen Gebrauch von Zeichen und Bildern unkenntlich bleibt, ist auch Roehrs Prinzip. Dafür findet er viele Formen: Foto-, Objekt- oder Ton- und Filmmontagen. «Montage war ihm zentral — er verwendete ausschliesslich vorgefertigte Materialien. Diesem Pop-Art-Ansatz folgte er mit solch bezwingender Konsequenz, dass er heute auch als ein Vordenker der Minimal Art und der Konzeptkunst gilt.

Michael Heisch


4

Samstag, 29. Januar 2011, 20.30

Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.ensemble-phoenix.ch

Time Motions*

David Sontòn Caflisch: Implosion (2010) für Flöte, Klavier und Schlagzeug
Jim Grimm: Die Bewegungen der Zeit I (1979), 12 Sequenzen für Flöte, Klavier und Schlagzeug
Morton Feldman: Dance Suite (for Merle Marsicano) (1963) für Klavier/Celesta und Schlagzeug
James Tenney: Instrumental Responses to Ergodos II (for John Cage) (1964) für Flöte, Klavier, Schlagzeug und Tonband
Jennifer Walshe: Thelma Mansfield (2008) für Flöte, Klavier, Schlagzeug und Video

ENSEMBLE PHOENIX BASEL
Christoph Bösch
Flöten
Daniel Buess Schlagzeug
Jürg Henneberger Klavier, Celesta
Thomas Peter Elektronik

_______________

* Wir bitten um Verständnis für die Änderung gegenüber dem Saisonprogramm. Das ursprünglich vorgesehene Konzert kann nicht durchgeführt werden, da sich ein wichtiger Koproduktionspartner kurzfristig zurückgezogen hat.


5

Mittwoch, 27. April 2011, 20.30

Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.walcheturm.ch, www.barbara-lueneburg.com, www.ciciliani.com

Europe on the Move

Yannis Kyriakides: SCAMSPAM (2009) für verstärkte Violine, CD und textbasiertes Video
Alexander Schubert: Weapon of Choice (2009) für Violine, Live-Elektronik, Bewegungssensor und interaktives Video
Marko Ciciliani: Alias (2007) für E-Violine, Live-Elektronik, Licht und Laser
Dai Fujikura & Tomoya Yamaguchi: lines (2010) für Violine und Live-Video
Henry Vega & Emmanuel Flores: The End of a Line is a Curve (2008/10) für Violine, Computer und Video

Barbara Lüneburg (Violine, E-Violine, Elektronik)
Marko Ciciliani (Elektronik, Video, Laser)

Ein Multimediaprogramm für Violine, E-Violine und Elektronik, das seine Zuhörer in die Welt der Visual Art führt: Europe on the Move präsentiert Komponisten, Licht- und Videokünstler, von denen eine europäische Kultur symbolisiert wird, die im Hinblick auf Globalisierung, Immigration, Diskurs und sich verschiebende Genres ständig in Bewegung ist. So nimmt Marko Ciciliani das Publikum mit in eine Welt von Pop und japanischen Mangas, während bei Yannis Kyriakides die sogenannten sieben Todsünden im Mittelpunkt stehen. Alexander Schuberts Weapon of Choice ist der Geigenbogen, über den die Violinistin mit Hilfe eines Bewegungssensors die Klang- und Bildbearbeitung steuert. Am Ende des Programms zwei Kollaborationen: Emmanuel Flores hat für The End of a Line is a Curve von Henry Vega ein Video gestaltet; und Tomoya Yamaguchis minimale Videokunst trifft die energetische Musik von Dai Fujikura.

Alle Werke sind in enger Kollaboration mit Barbara Lüneburg entstanden. Sie sind Teil ihrer Forschung für eine Doktorarbeit an der Brunel University London über «Die kreative Rolle des Interpreten in der neuen Musik als Interface zwischen Instrument, Komponist und Publikum»

Cathy van Eck


6

Donnerstag, 5. Mai 2011, 20.30

Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.walcheturm.ch, www.stump-linshalm.com

Billone: 1+1= 1

Pierluigi Billone: 1+1=1 (2006)für 2 Bassklarinetten

Petra Stump (Bassklarinette)
Heinz-Peter Linshalm (Bassklarinette)

«Ein Tropfen plus ein Tropfen ergibt einen grösseren Tropfen, nicht zwei!» So erklärt der «Spinner» Domenico in Andrej Tarkovskijs Film «Nostalghia» die Aufschrift «1+1=1» an seiner Hauswand, während er zwei Tropfen Öl in seine Hand giesst. Mit dem Titel seines abendfüllenden Stückes weist Billone auf ein tieferes Verständnis von «Einheit» hin.

Jedes Musikinstrument erreicht seine Vollkommenheit dadurch, dass zu seinen Eigenschaften ein ganzes Erbe an körperlichen Wahrnehmungen und Fähigkeiten hinzukommt, welches im Umgang mit der Materie, mit der Klangvorstellung und mit der Spiel- und Hörkultur, die es hervorgebracht hat, entstand. Obwohl die Haupteigenschaften des Instruments unverändert bleiben, ist die Spielpraxis doch wie ein sensibler Organismus, der Musiker und Instrument zu lebendiger Materie mit eigener Intelligenz verwandelt.

Zwei Klarinetten befinden sich im grösstmöglichen Abstand, der noch eine wechselseitige akustische Einflussnahme erlaubt. Jede Klangquelle wird teils vollkommen isoliert behandelt, anderseits funktioniert der Konzertraum selbst wie das Innere eines Instrumentes. Die Dishomogenität und die unterschiedlichen Streuungspotentiale des Klarinettenansatzes bedienen dieses Spannungsfeld ideal und regen so ein dauerhaft unausgewogenes, unsymmetrisches Hören an.

1+1=1 spielt an auf das Erkennen der Praktik und der Intelligenz des Klanges als bewusste Zugehörigkeit zu einer impersonellen Dimension, deren Grenzen nicht gezogen sind (wie in einem Tropfen Öl...)

Moritz Müllenbach