Erstickungsanfall gleichenden Ausdruck zutiefst empfundener Seelenschmerzen und einer ...

Archiv: Programme früherer Jahre: 2009/2010


1 One minute more  Freitag, 2. Oktober 2009, 20.30

2 Hörlounge  Samstag, 16. Januar 2010, 14.00

3 Zwei Tage Zeit  Freitag, 22. Januar 2010 und Samstag, 23. Januar 2010

4 Dode en zuivere tonen  Sonntag, 7. Februar 2010, 19.00

5 EXHAUSTIONS!ERSCHÖPFUNGEN!  Donnerstag, 4. März 2010, 20.30

6 Tramontana | Xylobiont  Freitag, 11. Juni 2010, 20.30


«Ich wusste gar nicht, dass es so eine Musik gibt.» Manch einer wird sich vielleicht nach dem Konzert mit dem Bremer Komponisten Christoph Ogiermann so oder ähnlich äussern. Aber im Grunde zielen ja fast alle Programme der ignm zürich in diese Richtung, denn wir nehmen das «n» im Namen ernst. Sogar bei einem Ahnvater der Neuen Musik wie Karel Goeyvaerts ist das nicht unmöglich: Jedes Geschichtswerk erwähnt zwar seine Stücke aus den Fünfzigern, aber im Konzert? Wir ändern dies und stellen ihm die genauso radikale Tapemusik des Niederländers Dick Raaijmakers zur Seite.

Auch das sogenannte Feature scheint in der Epoche des Dudelradios ein abseitiges Randgebiet. Aber vielleicht wäre das eigentlich die Mitte, und darum präsentiert die dritte Folge der Serie Hörlounge den Feature-Künstler Christian Gasser. «One minute more» ist der Versuch, 60 Komponist/innen und 5 Regisseur/innen in einem einstündigen Werk sinnvoll unterzubringen. Das hatten wir noch nie. Am Festival für improvisierte Musik «Zwei Tage Zeit» hat sich die ignm zürich hingegen schon mehrfach beteiligt, aber auch nur, weil hier - um deren zwei zu nennen - Ensembles um Leute wie Luigi Archetti und Peter Brötzmann auftreten. Ebensowenig tiefgestapelt wurde bei der Auswahl der beiden Solisten für das Doppelkonzert am Ende der Saison: der Kontrabassist John Eckhardt spielt eigene, die Bratschistin Jessica Rona komponierte Musik, einschliesslich einer halben Boulez-Uraufführung und einer echten von Orm Finnendahl.

Die ignm zürich hofft auf Ihre schrankenlose Neugier.

Felix Profos


Freitag, 2. Oktober 2009, 20.30

Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.walcheturm.ch, www.guylivingston.com

One minute more

60 films, 60 composers, 60 seconds each
Guy Livingston (Klavier)


Am Anfang standen 60 Stücke von 60 Komponisten. Je 60 Sekunden dauern sie und in der grossen Mehrheit sind sie für dieses Projekt entstanden. Dann drehten 5 Filmemacher zu jedem Stück einen Film. Und schliesslich setzt sich Guy Livingston vor Leinwand und Klavier und bringt das alles zu einem sinnvollen Ganzen zusammen.

Musik: George Antheil, Cecilia Arditto, Daniel Beliavsky, Sandeep Bhagwati, Benjamin Boone, Vincent Bouchot, Jerome Bourdellon, Kee Yong Chong, Denis Chouillet, Dominique Clément, Eric de Clercq, Alvin Curran, Tina Davidson, Inouk Demers, Donnacha Dennehy, Jed Distler, David Dramm, Ron Ford, Cor Fuhler, Alicia Grant, Brian Wilbur Grundstrom, Werner Heider, Newt Hinton, Stefan Hippe, Tsulkie Hürn, David Jaggard, Anders Jallén, Arthur Jarvinen, Peter Klatzow, Amy Kohn, Dmitri Kourliandski, Libby Larsen, Gijs Levelt, Ned McGowan, Chris Milmerstadt, Christian Much, Mayke Nas, Bongani Ndodana, Andrea Nicoli, Frank J. Oteri, Ernest H. Papier, Yoav Pasovsky, Thierry Pecou, Stefan Poetzsch, Phil & Pat Porter, Oliver Schneller, Maitane Sebastián, Jean-Marie Simonis, Dorrance Stalvey, Bruce Stark, Robert Strizich, Stevan Kovacs Tickmayer, Klas Torstensson, Wilbert Bulsink & Thomas Myrmel Twoambs, Ken Ueno, Valery Voronov, Bernhard Weidner, Julia Wolfe, Pamela Z, Hillary Zipper

Film: Nelleke Koop, Juan de Graaf, Newt Hinton, Menno Otten, Thijs Schreuder

Moritz Müllenbach


2

Samstag, 16. Januar 2010, 14.00

Villa Egli, Höschgasse 4, 8008 Zürich

Hörlounge mit Christian Gasser

Christian Gasser präsentiert Features, Hörspiele und Sound-Stories um popkulturelle Parallel-, Gegen- und andere Welten. Von Tarzan zum finnischen Tango, von Vampirbissen zu Comics-Mutanten.


Christian Gasser gehört zu den profiliertesten Schweizer Radiomachern. Von 1988 bis 2002 war er Redaktor und Moderator bei DRS3 und verantwortete unter anderem die allabendliche Musiksendung «Sounds!» und die vierstündige, monothematische Sendung «Sounds! Surprise».

1995 begann Christian Gassers Karriere als Feature- und Hörspiel-Autor für deutsche Rundfunksender - gleich sein erstes WDR-Feature «Musik für die Junggesellenbude im Raumfahrtzeitalter» wurde 1997 als Beitrag der ARD für den Prix Europa nominiert. Seither schreibt und produziert er Hörspiele, Features und Beiträge zu (pop-)kulturellen Themen für zahlreiche Radiosender wie DRS 2, den Westdeutschen Rundfunk WDR, den Südwestrundfunk SWR, Deutschlandradio und Deutschlandfunk.

In der Hörlounge der ignm zürich präsentiert Christian Gasser Ausschnitte aus seinen Arbeiten und ergänzt sie um Kommentare, Randbemerkungen und Fussnoten, die Details zu Entstehung, Konzepten, Produktionsbedingungen, Tricks, Irrtümern und Pannen preisgeben.

Michael Heisch


3

Freitag, 22. Januar 2010 und Samstag, 23. Januar 2010

Theater Rigiblick, Germaniastrasse 99, 8044 Zürich
www.zweitagezeit.ch

Zwei Tage Zeit - Festival für improvisierte Musik

Freitag, 22. Januar

19.30 Hans Koch (Saxophone, Klarinetten), Christine Sehnaoui (Saxophon)
20.45 Norbert Möslang (Audio-visuelles Projekt)
22.00 Peter Brötzmann (Saxophone, Klarinette, Tarogato), Marino Pliakas
(Elektrobass), Michael Wertmüller (Schlagzeug)

Samstag, 23. Januar

19.30 Christoph Gallio (Saxophon), Beat Streuli (Film)
20.45 Luigi Archetti (Gitarre, Elektronik), Hervé Provini (Schlagzeug)
22.00 John Butcher (Saxophone), Gerry Hemingway (Schlagzeug)
Intermezzi: Sebastian Hoffmann (Mobile Rundfunkstation)


Musik, die aus dem Moment heraus geschaffen wird: Das Festival für improvisierte Musik «Zwei Tage Zeit» wird bereits zum dritten Mal durchgeführt. Zu entdecken gibt es wiederum einiges. Im Fokus stehen Duo-Begegnungen, bei denen auch visuelle Aspekte nicht zu kurz kommen. Sebastian Hoffmann improvisiert mit seiner mobilen Rundfunkstation das Publikum bekommt ein tragbares Radiogerät (oder kann ein solches mitbringen), empfängt Sebastian Hoffmanns Musik und kann sich dazu frei im Raum bewegen oder Hoffmann bei seinen Improvisationen zusehen. Das Trio Brötzmann-Pliakas-Wertmüller sorgte inzwischen in den USA und in Japan für Furore. Umso schöner, mit Peter Brötzmann den Übervater des freien Spiels nun live in Zürich zu erleben. Ein Festival also, welches für bewegende, mit Sicherheit für überraschende Momente sorgt.

Michael Heisch

Zwei Tage Zeit ist eine Koproduktion des Musikpodiums der Stadt Zürich, der ignm zürich und der Werkstatt für improvisierte Musik WIM Zürich.


4

Sonntag, 7. Februar 2010, 19.00 (Einführung 18.30)

Radiostudio Zürich, Brunnenhofstrasse 22, 8057 Zürich

Dode en zuivere tonen

Karel Goeyvaerts: Compositie nr. 4 met dode tonen (1952)
Dick Raaijmakers: Canon 1 - super augere (1964)
Karel Goeyvaerts: Nr 1 Sonate voor twee pianos (1950-51)
Dick Raaijmakers: Canon 2 - super imprimere (1964)
Dick Raaijmakers: Canon 3 - super addere (1965)
Karel Goeyvaerts: Compositie nr. 7 met convergerende en divergerende niveau's (1955)
Dick Raaijmakers: Canon 4 - super sub-trahere (1965-66)
Karel Goeyvaerts: Stuk voor piano en tape (1964)
Dick Raaijmakers: Canon 5 - super «dis-moi...» (1967)
Karel Goeyvaerts: Compositie nr. 5 met zuivere tonen (1953)

Dominik Blum und Tamriko Kordzaia (Klaviere)

Einführung mit Cathy van Eck


Die Aufführung der Sonate für zwei Klaviere des jungen belgischen Komponisten Karel Goeyvaerts 1951 in Darmstadt könnte als eine Art Geburtsstunde der damaligen Neuen Musik gesehen werden. Den zweiten Part spielte Karlheinz Stockhausen, der vom Werk tief beeindruckt war, analysiert und diskutiert wurde es unter der Leitung von Theodor Adorno - man hatte eins der allerersten Stücke vor sich, bei denen komplexe Reihengesetze eine zentrale Rolle spielten. Auch in der elektronischen Musik war Goeyvaerts ein Pionier, und seine frühen elektronischen Stücke, die an diesem Konzert zur Aufführung kommen, zeigen, wie vollkommen hier der technische mit dem ästhetischen Aspekt zusammenfällt. Der niederländische Komponist, Theatermacher und Installationskünstler Dick Raaijmakers zieht Parallelen von Goeyvaerts' Musik zu Piet Mondrian, der auch selbst in einigen Texten seine Ideen zur Musik erläuterte. Der ideale Klang soll dabei erscheinen wie ein Punkt, ein Stoss. Er soll genau so plötzlich anwesend sein als abwesend. Er darf nicht zunehmen oder abnehmen. Genau dieser ideale Klang, oder, wie Raaijmakers es selber formuliert, der Klang «jetzt», ist der Ausgangspunkt für Raaijmakers Kompositionen Canon I-V.

Cathy van Eck und Felix Profos


5

Donnerstag, 4. März 2010, 20.30

Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.walcheturm.ch, www.myspace.com/ogiermann

EXHAUSTIONS!ERSCHÖPFUNGEN!

Musik von Christoph Ogiermann

Ciant da li ciampanis (2002) für einen singenden Geiger nach einem Gedicht von Pier Paolo Pasolini
DIE DA (2007), Verschiebungen für Tasten, Stimme und elektronische Umgebung

Simultane Aufführung von:
orientalische Künstler pflegen die Grob heiten der Gattung zu überwinden, europäische, sie zu übertreiben (2005), Musik für mindestens 3 Violoncelli und Zuspielband

und:
wär ich aus Schinah, würd man mich verstehn (2005/08), Musikaktion für einen
Spieler, 4-kanalige elektronische Musik, Dias und ein Video von Daniel Kötter

Christoph Ogiermann (Violine, Stimme, Klangregie)
Gunnar Brandt-Sigurdsson (Stimme)
Johan Bossers (Tasten und Stimme)
N.N. (Violoncelli)


Zum ersten Mal in Zürich: Der 1967 geborene Bremer Komponist, Geiger und Performer Christoph Ogiermann. Dazu schreibt er: «EXHAUTIONS!ERSCHÖPFUNGEN! bringt Musiken zu Gehör, die die Phänomene Stress, Überforderung und Simultaneität als gemeinsame Basis behaupten. Ist es in Ciant da li ciampanis eigentlich noch ein Sehnsüchtiges, das sich in dem direkt Entäusserten des Schreis Bahn bricht und das ich damals durchaus noch als Befreiung empfand, so ist bei DIE DA schon die ironisierende Distanz bestimmend. Ich hatte mir zur Aufgabe gesetzt, ein politisches Klavierlied zu schreiben. DIE DA ist das Ergebnis. Das Stück geht mehr und mehr ins Mediale; zum Schluss sprechen die Interpreten nur noch über sich selber; sie sind ihr eigenes Produktionsmittel und ihr eigener Rohstoff. Mehr haben sie nicht mehr. Im zweiten Teil des Abends kommen zwei Stücke simultan zur Aufführung: Orientalische Künstler pflegen die Grobheiten der Gattung zu überwinden, europäische, sie zu übertreiben zwingt die Interpreten in ein Dauerlesen von Hüllkurven auf einem Bildschirm, sodass sie mehr und mehr ausser sich geraten. Gleichzeitig erklingen Schichten von Tröten, Geigen, Megaphonen, zuweilen schlagen auch Körper auf Gegenstände auf: wär ich aus Schinah, würd man mich verstehn. Der Titel verdankt sich der Erfahrung, dass in unserer Kultur Fremdes, etwa ein Abend mit No-Theater, oft als geschlossen und richtig empfunden wird. Kommt aber der eigene Nachbar zu einem ähnlichen Klangergebnis, wird alles andere als Weisheit vermutet. ‘Wär ich also aus Schinah....’»

Lara Stanic und Felix Profos


6

Freitag, 11. Juni 2010, 20.30

Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.walcheturm.ch, www.jessicarona.com, www.myspace.com/johneckhardt

Tramontana

Pierre Boulez: Messagesquisse (1976/2000) in der Bearbeitung von Jessica Rona für Viola solo und Zuspielband (2009)
Johannes Schöllhorn: Musarion (1985-86) für Viola solo
Orm Finnendahl: Neues Werk (2010) für Viola und Elektronik. Uraufführung
Iannis Xenakis: Embellie (1981) für Viola solo
Michael Edwards: Tramontana (2002) for bad tempered viola and computer

Jessica Rona (Viola)
Orm Finnendahl (Elektronik)

Xylobiont

John Eckhardt (Kontrabass)


Jessica Rona ist der Zünder für ein hochexplosives Programm - in der von ihr initiierten Tapeform von Messagesquisse wird sie gleich sieben Mal zu hören sein. Wenn in Musarion eine Art Wechselspannung zwischen Erklingen und Nichterklingen entsteht, wandelt sich diese spätestens in Embellie zu einer sich anstauenden Gleichspannung, die sich in Tramontana entlädt. Orm Finnendahl, dem die ignm zürich 2007 einen legendär gewordenen Portraitabend widmete, arbeitet seit längerem mit Jessica Rona zusammen. Sein neues Werk dürfte ihr auf den Leib geschrieben sein.

Xylobiont (mit/am/vom Holz lebend): Ein massives und widerborstiges Klanglabor aus Holz und Metall ist der Kontrabass bei John Eckhardt geworden. Ein Labor, in dem nichts gespeichert und abgerufen werden kann, sondern jeder Klang und jede Textur immer neu gesucht werden will und wo die eigensinnigsten Diskontinuitäten ins Material eingebaut sind. In Eckhardts Musik, bei der es sich weder um strenge Kompositionen noch um reine Improvisationen handelt, werden sie in hohem Mass form- und melodiebildend. Eine Art kontemplative Naturmusik weitab von idyllischem Säuseln entsteht, aus der die egogetriebene Gestik - heilige Kuh so vieler heutiger Improvisatoren - sich ohne Spuren zu hinterlassen verabschiedet hat.

Moritz Müllenbach und Felix Profos