Und ich hasse nichts so wie Musik. Und daß mir Musik so nichts bedeutet Zahl ich ...

Archiv: Programme früherer Jahre: 2006/2007


Liebe Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher

das Generalprogramm der IGNM Zürich hat sich äusserlich gewandelt. Wir sind überzeugt, dass es in der neuen Form handlicher und übersichtlicher geworden ist. Nicht verändert hat sich die inhaltliche Ausrichtung der Konzertprogramme. 
Dieses Jahr freuen wir uns besonders auf die Begegnungen mit dem deutschen Komponisten Orm Finnendahl, dessen Werke gleich in zwei Konzerten zu hören sein werden, und dem japanischen Elektronik-Künstler Otomo Yoshihide, der mit seinem im letzten Jahr in Donaueschingen vorgestellten Quartett nach Zürich kommt.
Ausserdem haben Sie die Möglichkeit, mit Simone Keller und See Siang Wong zwei junge vielversprechende PianistInnen aus dem Raum Zürich kennenzulernen, während Tamriko Kordzaia und Dominik Blum dem hiesigen Publikum nicht mehr vorgestellt werden müssen. Ihre Namen garantieren seit langem für spannende Programmierung und Interpretationen auf höchstem Niveau. 
Eröffnet wird die Saison mit Werken des im letzten Jahr verstorbenen französischen Komponisten Luc Ferrari. Das Portraitkonzert ermöglicht eine Rückschau auf 50 Jahre Komponieren des Pioniers der elektronischen Musik.
Wir hoffen, Ihnen damit auch in diesem Jahr ein originelles und vielseitiges Saisonprogramm anbieten zu können und wünschen Ihnen in diesem Sinne spannende Konzerterlebnisse.

Valentin Marti 


1

Samstag, 18. November 2006, 20.00 
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.walcheturm.ch 

Luc Ferrari

Sonatine Elyb (1953-54), für Klavier
Visage I (1956), für Klavier
Presque rien No 1 ou Le lever du jour de la mer (1967/70), für Tonband
A la recherche du rhythme perdu. Réflexion sur l'écriture No. 2 (1978), für Klavier und Tonband
Fragments d'un journal intime (1980-82, revision 1995), für Klavier
Saliceburry Cocktail (2002), elektroakustisches Stück

Simone Keller (Klavier)
N.N. (Tontechnik) 


Obschon einer der Pioniere der musique concrète, gehörte Luc Ferrari (1929-2005) nie zu den populären Figuren der frühen elektronischen Musik. Dies wohl nicht zuletzt deshalb, weil er zeitlebens neue Wege suchte und sein Oeuvre äußerst heterogen ist. Zudem erprobte er alle denkbaren Gattungen: elektronische Musik, Instrumentalwerke, grossbesetzte Orchesterwerke, Klanginstallationen, Musik für Film und Theater sowie Radiohörspiele. Den frühen Begegnungen mit Edgar Varèse und John Cage folgte eine Phase mit offenen Textkompositionen und Improvisation - und sogar erotischer Musik.

Ferrari schrieb immer wieder für das Klavier. Die Sonatine Elyb und Visage I sind serielle Stücke, die beide an den Ferienkursen in Darmstadt uraufgeführt wurden. Die Tonbandkomposition Presque rien No 1 war damals für viele ein Schock, weil sie Cages Gedanke, dass alles um uns Musik sei, unerwartet radikal umsetzte. Das Erwachen eines Fischerdorfs in Kroatien bildet das Soundscape für dieses "fast nichts". Ferrari wendete sich dezidiert gegen die Trennung von Musik und Realität und sprach von "poor man's concrete music", weil sie kaum manipuliert ist und von jedem verstanden werden könne. Saliceburry Cocktail ist wohl das Gegenteil - theatralisch, dramatisch und buntfarbig. Ferrari war für alle erdenklichen Einflüsse offen und arbeitete bis ins hohe Alter auch mit jüngeren Musikern wie Erik M, Otomo Yoshihide und DJ Olive zusammen.

Jogrim Erland


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2

Freitag, 15. Dezember 2006, 20.00 
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich 
www.walcheturm.ch 

20.00 Gespiegelte Versatzstücke

Johannes Staud: Bewegungen (1996) für Klavier
Rebecca Saunders: Mirror, mirror on the wall (1994) für Klavier
Orm Finnendahl: Versatzstücke (1999/2004) für Klavier und Zuspielband

See Siang Wong (Klavier)
Orm Finnendahl (Klangregie)
  

21.15 Reality Reaktor - interlude électronique

interludes_I und interludes_II für Live-Elektronik

Nikolaus Heyduck und Michael Harenberg (analoge und digitale Live-Elektronik)


Im ersten Teil des Doppelkonzerts trifft Rebecca Saunders spannungsgeladene, farbige, körperlich direkte Musik auf die verspielte Formenwelt von Bewegungen, einem frühen Stück des jungen Österreichers Johannes Maria Staud. Orm Finnendahl wiederum zeigt grosse klangliche Phantasie in der konsequenten Arbeit mit Verfahren, die er den Naturwissenschaften entlehnt und anschliessend mit Brüchen und "Webfehlern" versieht.

Ein interessanter Einblick in das Komponieren einer jüngeren Generation im deutschen Sprachraum und eine Begegnung kompositorischer Ansätze unterschiedlicher musikalischer Herkunft und Inspiration. Es freut uns ausserordentlich, dass wir für dieses Konzert den in Zürich ansässigen jungen Pianisten See Siang Wong gewinnen konnten.

Im zweiten Teil spielen Reality Reaktor (Nikolaus Heyduck und Michael Harenberg) eine Mischung aus komponierter und improvisierter elektroakustischer Musik. Dabei kommen alte analoge Instrumente und spezielle selbstgebaute Synthesizer von Nikolaus Heyduck genauso zum Einsatz wie digitale Technik und Computer - live gespielt wie auch vorprogrammiert eingesetzt. Dies ergibt eine hybride Musik, die aus der technischen wie kompositorischen interaktiven Verschaltung zwischen den beiden Künstlern entsteht und die neben dem bei elektroakustischer Kunst üblichen Aspekt der Klangfarbe vor allem interessante Formen und Strukturen ins Zentrum stellt.

Valentin Marti und Lara Stanic


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3

Samstag, 27. Januar 2007, 20.00 
Radiostudio Zürich, Brunnenhofstrasse 22, 8042 Zürich

Desert Plants

Zoltan Jeney: Desert Plants (1975) für 2 präparierte Klaviere
György Ligeti: Monument - Selbstportrait - Bewegung (1976), 3 Stücke für 2 Klaviere
Hermann Meier: Stück 1958 (1958) für 2 Klaviere, Uraufführung

Tamriko Kordzaia und Dominik Blum (Klavier)


Das Klavierduo Tamriko Kordzaia und Dominik Blum war schon einmal Gast der ignm zürich. Ihr fulminantes Spiel ist vielen Konzertbesuchern noch in lebhafter Erinnerung. Fulminantes soll auch das Schwerpunktthema dieses Abends mit ungarischen Komponisten bieten. 

Mit der Schweizer Erstaufführung der Desert Plants von Zoltan Jeney (*1943) und György Ligetis (1923-2006) Monument - Selbstportrait - Bewegung kommen zwei aussergewöhnliche und hierzulande selten gespielte Werke zur Aufführung. Gerade Zoltan Jeney gilt wegen seiner individuellen Ausdrucksweise als einer der wichtigsten Komponisten zeitgenössischer Musik in Ungarn. György Ligetis Bedeutung für die Neue Musik muss wohl gar nicht erst erwähnt werden. Die drei Stücke für zwei Klaviere entstanden 1976, während er an seiner Oper "Le Grand Macabre" arbeitete. Es sind die ersten Klavierwerke, die Ligeti nach seiner Emigration schrieb.

Dominik Blum hat sich in der Vergangenheit vermehrt für die Werke des Schweizer Komponisten Hermann Meier (1906-2002) eingesetzt. Eine Uraufführung für zwei Klaviere rundet das abwechslungsreiche Programm ab, nicht zuletzt auch, um damit jenem umtriebigen Schweizer Aussenseiter gerecht zu werden.

Michael Heisch


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4

Donnerstag, 1. Februar 2007, 20.00 
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.walcheturm.ch

Otomo Yoshihide

Otomo Yoshihide (Gitarre, Turntables)
Sachiko M (Sinusgenerator)
Axel Dörner (Trompete)
Martin Brandlmayr (Schlagzeug)


Otomo Yoshihide gehört zu den vielfältigsten Elektronik-Künstlern der Gegenwart. In seinen musikalischen Anfängen war der 1959 in Yokohama geborene Japaner vor allem als Gitarrist in Rockbands und Freejazz-Formationen tätig. Ende der 90er-Jahre beginnt er an den Turntables in verschiedenen Gruppen, schon damals auch im Duo mit der japanischen "Sinusgenerator-Virtuosin" Sachiko M, seinen extrem reduktionistischen Stil zu entwickeln, den er bis heute pflegt. Er ist charakterisiert durch sich minimal wandelnde Klangtexturen mit Dynamiken am Rande der Hörschwelle und löst eine fast diametral entgegengesetzte Schaffensphase ab, in der Yoshihide mit scharfen Sampling-Schnitten international bekannt wurde. 

Das erwähnte Duo Yoshihide - Sachiko M wurde an den Donaueschinger Musiktagen 2005 im Rahmen der NOWJazz-Sessions mit dem Trompeter Axel Dörner (Berlin) und dem Schlagzeuger Martin Brandlmayr (Wien) erstmals zur Quartett-Formation ergänzt. Auch die beiden aus Europa stammenden Instrumentalisten finden sich in einer Szene ästhetischen Reduktionismus wieder, in welcher ein Schlagzeug zu einem feingliedrigen Perkussionsinstrument und die Trompete zu einem zerbrechlichen Luftstrom mutieren.

Moritz Müllenbach


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5

Sonntag, 18. Februar 2007, 20.00 
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
www.walcheturm.ch

Orm Finnendahl

Kommen und gehen (2000), Uraufführung der Neufassung für 2 Violinen und Elektronik
Fälschung (2002/03) für Streichquartett und Elektronik

Studierende der HMT Zürich

grep (2004) für Altsaxophon, Schlagzeug und Computer
Rekurs (1997/98) für Saxophon, Schlagzeug, Klavier und 2 Aufnahmegeräte

Sascha Armbruster (Saxophon)
Burkhard Beins (Schlagzeug)
Pascal Pons (Schlagzeug)
Benjamin Kobler (Klavier)


"...es reizt mich, zu beobachten, wie sich ein im Grunde triviales und nichtssagendes Material aufgrund syntaktischer Verknüpfungen mit Bedeutung auflädt. Dies sehe ich ganz analog zu vielen gesellschaftlichen Prozessen oder Ereignissen, die mich täglich bewegen, motivieren oder demotivieren. Insofern verstehe ich meine Musik als Abbild von Wirklichkeit, oder, genauer, hoffe, damit meinem Traum von einer Kunst, die im Modus sinnlicher und emotionaler Erfahrung Gesellschaft reflektiert, näherzukommen."

Soweit der deutsche Komponist Orm Finnendahl (*1963), dessen Kompositionen für Instrumente und Elektronik bereits um die Welt gegangen sind. In jedem der vier hier aufgeführten Werke wagt sich Finnendahl von einer ganz anderen Seite an diese wohl unerschöpfliche Konstellation, wobei die "Elektronik" (sei es ein Laptop oder ein Ghettoblasterensemble) nur selten die Rolle des Lieferanten vorgefertigten Materials einnimmt. Und wenn doch, wie in Fälschung, dann ist auch das schon wieder irgendwie hintergründig - die Verständigung zwischen den ungleichen Partnern scheint sich auf jeden Fall der Vorhersehbarkeit zu entziehen. Das ist, zum Glück, nicht nur "interessant", sondern klingt auch wirklich aufregend.

Felix Profos

Dieses Konzert ist eine Zusammenarbeit mit der HMT Zürich.

Orm Finnendahl wird am 16. und 17. Februar an der HMT Vorträge und Workshops zu Themen rund um seine Musik abhalten.