Das nützt euch nichts, denn ich bin da! Und eure Kollegen geben immer ...

Archiv: Programme früherer Jahre: 2005/2006


Einleitung

»Das Netz ist ausgeworfen, der Tunfisch wird springen in mondheller Nacht«


PERSON FISH DOG HOUSE TREE - raunt die Stimme in Yannis Kyriakides' »conSPIracy cantata«: Auszüge aus einer Liste von 100 »basic words«. 

Trivial - oder ominös?

Das Verwirrspiel um Wort, Zeichen, Bedeutung und Klang verdichtet sich noch, wenn der Komponist das rätselhafte Gemurmel des delphischen Orakels und geheimdienstliche Nummern-Codes aus dem Kalten Krieg ins Spiel bringt ... ist am Ende jedes Sprachgebilde Verschlüsselung von etwas anderem? Und was wäre dann Klang, oder gar Musik?

Die Konzertreihe 05/06 der IGNM Zürich beschäftigt sich ausschliesslich mit diesem in der Tat unauslotbaren Phänomen: Was geschieht, wenn Wörter klingen und Töne etwas heissen wollen? Können die das überhaupt?

Keine Antworten, aber eine Menge hoch spannender Sprach-Musik gibt es in den sieben Konzerten dieser Saison, wobei die IGNM darauf geachtet hat, dass jedes von ihnen vom vorherigen so verschieden wie nur möglich ist. So gesehen gehören Extrempunkte wie »Selten gehörte Musik« vom Sprach-/Bratschentrio Fähndrich/Wiener/Rühm und die Installation «A Walk with Bongi» des Südafrikaners Rüdiger Meyer, in der (tatsächlich?) nur reine Information vermittelt wird, doch wieder zusammen.

FELIX PROFOS


zum Index     

Samstag 1. Oktober 2005, 20.00 Uhr
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich

Stromschnellen

Maurice Ohana Sibylle (1968) für Sopran, Schlagzeug und Tonband
John Cage Ryoanji (1983) für Stimme, Schlagzeug und Tonband
Erik Ulman Wenn aus der Ferne (1998-99) für Stimme und Schlagzeug UA
Gary Berger
Doppelte Wendung (1999) für Stimme, Schlagzeug und Live-Elektronik
Gary Berger Neues Werk (2005) für Stimme, Schlagzeug und Live-Elektronik UA
Erik Oña Neues Werk (2005) für Stimme und Schlagzeug UA

Eva Nievergelt: Stimme, Christoph Brunner: Schlagzeug, Gary Berger: Live-Elektronik und Klangregie

Die Werke, die unserem neuen Programm das Gesicht geben, reichen von den Klassikern Maurice Ohana und John Cage zu drei Uraufführungen von Gary Berger, Erik Oña und Erik Ulman. Den unterschiedlichen Entstehungszeiten entsprechend übernimmt die Elektronik jeweils sehr verschiedene Aufgaben: 

Bei Ohanas Sibylle eröffnet ein eigenständiger Tonbandpart den beiden Instrumenten nach längerer Zwiesprache einen neuen Klangraum; gleichzeitig verstärkt dieser als künstliches Element die archaischen Qualitäten von Stimme und Schlagzeug.

In Cages Ryoanji (nach dem gleichnamigen Zen-Garten in Kyoto) dienen die Bandaufnahmen als Mittel zur Überlagerung mehrerer Melodielinien der Sängerin und zur Simulation unterschiedlicher Räume - ein wunderbares Bild geistiger Klarheit und Konzentration!

In den Werken Gary Bergers dient die Elektronik der Erweiterung der instrumentalen Ausdrucksmöglichkeiten: durch Modulationen akustischer Charakteristika entsteht quasi ein Meta-Instrument, dessen Klangwelten direkt im Moment der Aufführung entstehen und daher ein waches Hören und instrumentales Aufeinander-Reagieren erfordern.

Allen vier Werken gemeinsam ist der Umstand, dass sie anstelle eines zusammenhängenden Textes einzelne Silben und Vokale verwenden. Als Kontrapunkt dazu dient Erik Ulmans aus der Ferne. Das Stück nach Friedrich Hölderlin bleibt mit äusserster Knappheit nahe am Text und schafft einen dichten Klangfluss, der beide Instrumente eng verknüpft. CHRISTOPH BRUNNER


zum Index     

Montag 17. Oktober 2005, 20.00 Uhr
Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, 8001 Zürich

Selten gehörte Musik

Walter Fähndrich: Viola, Stimme, Gerhard Rühm: Stimme, diverses, Oswald Wiener: Stimme, diverses

Der Autor/Sprachtheoretiker Oswald Wiener und der Schriftsteller Gerhard Rühm waren Gründer der »Wiener Gruppe« (1954-1964), die neben den Internationalen Situationisten und der Independent Group zu den radikalsten Künstlervereinigungen im Nachkriegseuropa zählt. 

Zusammen mit Gerhard Rühm und dem Künstler Dieter Roth realisierte Oswald Wiener in den 70er und 80er Jahren eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel »Selten gehörte Musik«. Diese akustische Performance, die sich an der Grenze zum Happening bewegt, findet in wechselnden Besetzungen und generationenüberschreitend (von Hermann Nitsch bis Jan Werner von "Mouse on Mars") bis heute statt.

»Wir haben uns zusammengefunden, eine Art Ästhetik des Scheiterns auszuprobieren, das heißt eine Ästhetik des Nichtkönnens, des Möchtens, des Wollens. Und dies ist eine sehr schmerzhafte Ästhetik, es ist eine Ästhetik der Peinlichkeiten, der Blamage, des Verzichts. Da es aber eigentlich darum geht, zu ergreifen, emotional auf einen Hörer einzuwirken, gibt es natürlich dieses Blamiertsein und die Peinlichkeit als eine Art Ergriffenheit und als ein Spiel damit.« OSWALD WIENER


zum Index     

Freitag 9. Dezember 2005, 20.00 Uhr 
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich

Yannis Kyriakides

tetTIX für Stimme, Insektenklänge und drum machine (1999)
hYDAtorizon für Klavier und Sinusklänge (2000)
Improvisation
conSPIracy cantata (1999)

Stephie Büttrich: Stimme, Ayelet Harpaz: Stimme, Marion von Tilzer: Klavier, 
Yannis Kyriakides: Elektronik, Clare Gallagher: Technik

Zum erstenmal ausführlich in Zürich: die Musik des zypriotisch-britischen Komponisten und Elektromusikers Yannis Kyriakides, der in den letzten Jahren vor allem mit multimedial-theatralischen Werken von sich reden gemacht hat; zuletzt in der Staatsoper Stuttgart: Musik zwischen raffiniertem Groove, abseitiger Klangforschung und archaischer Wucht.

»Mich interessiert die Grauzone, in der die Musik sich keiner spezifischen Norm unterwirft. Typische "zeitgenössische Musik" ist oft ebenso normiert (um bestimmten, meist akademischen Standards zu genügen) wie Popmusik. Mir gefällt Musik, die sich solchen Zwängen entzieht. Ich lasse mich gern inspirieren von Techno, Drum'n'bass oder Hip-hop; in diesen Sounds fühle ich mich zu Hause. Aber es würde mich nicht befriedigen, in so starren Genres zu arbeiten. Komponieren heisst auch, solche Konventionen auf den Kopf zu stellen.«

«I try to empty the content and increase.» YANNIS KYRIAKIDES


zum Index     

Freitag/Samstag 20./21. Januar 2006, jeweils ab 19.30 Uhr 
Rigiblick Theater, Germaniastrasse 99, 8044 Zürich

Zwei Tage Zeit

Festival für improvisierte Musik


Freitag, 20. Januar 2006

19.30 Uhr 
Stephan Wittwer: Laptop

20.45 Uhr 
Giancarlo Schiaffini: Posaune, Elektronik, Sebastiano Tramontana: Posaune, Elektronik

22.00 Uhr 
Little Lilts and Loops, Claudia Ulla Binder: Klavier, Video


Samstag, 21. Januar 2006

19.30 Uhr 
Günther Müller: Elektronik, Christian Wolfarth: Perkussion

20.45 Uhr 
PAPAJO Paul Hubweber: Posaune, John Edwards: Kontrabass, Paul Lovens: Perkussion

22.00 Uhr 
Lionel Marchetti: Elektronik, Yôko Higashi: Tanz


»Zwei Tage Zeit«, um sich mit der Zeit-Kunst Musik auseinanderzusetzen, mit aktueller Musik, die weitgehend aus dem Augenblick heraus geschaffen, improvisiert wird. Das aufmerksame Publikum ist Teil des Prozesses und hilft, das Netz zu spannen, in welchem Musik sich ereignet. Ein Programm, das als Schwerpunkte improvisierte Musik mit Laptops, Posaunen, Perkussion anbietet und in welchem zwei Begegnungen über die Grenzen der reinen Musik hinaus stattfinden: mit Video und mit Tanz. »Zwei Tage Zeit« ist ein Festival für improvisierte Musik, das als Gemeinschaftsproduktion der drei Konzertveranstalter IGNM Zürich, Werkstatt für improvisierte Musik (WIM) Zürich und Musikpodium der Stadt Zürich stattfindet (www.zweitagezeit.ch). 

Eintritt Fr. 40.- / 20.-(erm.) pro Abend; beide Abende Fr. 60.- / 30.-(erm.)
IGNM- und WIM-Mitglieder: ermässigter Eintrittspreis

Eine Koproduktion des Musikpodiums der Stadt Zürich, der IGNM Zürich und der Werkstatt für improvisierte Musik (WIM) Zürich


zum Index     

Mittwoch 1. Februar 2006, 20.00 Uhr 
Theater STOK, Hirschengraben 42, 8001 Zürich

gad gad vazo gadati, voicing through saussure

pièces anatomiques
   découpe
   umno(p)
   d'

gad gad vazo gadati

Vincent Barras: Stimme, Jacques Demierre: Stimme

Die ersten Untersuchungen des Genfer Linguisten Ferdinand de Saussure (1857-1913) über das Vokalsystem der indogermanischen Sprachen, später über die allgemeine Phonologie, gehören zu den Grundlagen der modernen Linguistik. Er hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Sozialwissenschaften. 

Gemäss Vincent Barras und Jacques Demierre gibt es bei Saussure aber auch eine poetische Dimension, die es zu entdecken gilt: die Sprache als Stimme, die für ihn das erste Element des schöpferischen Aktes darstellt.

Die Laute der von Saussure bis ins kleinste Detail analysierten toten Sprachen (Sanskrit, Altpersisch, Altfranzösisch, Griechisch etc.), deren Erforschung zu einer Ursprache führen sollte, sind von den beiden Autoren für «gad gad vazo gadati, voicing through saussure» bearbeitet und neu komponiert worden. Entstanden ist ein Text, der bei aller kompositorischer Strenge vor allem durch seine klangliche Schönheit fasziniert.


zum Index     

Freitag 10. März 2006, 16.00 bis 24.00 Uhr 
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich

A Walk With Bongi Through Alexandra Township

Installation von Rüdiger Meyer

«Much of my music has grown out of a process of transcription and transformation of things I find in the world around me.» RÜDIGER MEYER

«A Walk With Bongi» entstand als Soundtrack zu einer Installation der südafrikanischen Künstlerin Bongi Dhlomo-Mautloa, die zum Ziel hatte, den soziokulturellen Reichtum der Slumvorstadt Alexandra zu dokumentieren. Rüdiger Meyer, selbst aus Südafrika gebürtig und heute in Kopenhagen wohnhaft, schuf dazu eine akustische Parallelwelt: 24 Stunden Umweltklänge und -geräusche, Gespräche, Geschichten und nüchterne Information, komprimiert in einen einstündigen Loop, der bei aller Schlichtheit und Ehrlichkeit auch überraschende Qualitäten hervorbringt: Je nach Hörperspektive eine Dokumentation ? oder spannende Musik.

Im Kunstraum Walcheturm stellt Rüdiger Meyer den Soundtrack wiederum in einen neuen installativen Zusammenhang.


zum Index     

Mittwoch 5. April 2006, 20.00 Uhr 
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich

Musik von Robert Ashley

Outcome Inevitable
Waiting Room
Basic 10
Trios (White on White)
It's there
Yes, but is it edible?
Morton Feldman says
The Entrance

Studierende der HMT Zürich

Der Amerikaner Robert Ashley (geboren 1930) gilt als Pionier der Multimedia-Oper und als Erfinder einer völlig neuen Art von »Musik mit Sprache«. Seine Werke für Musiktheater wie «Perfect Lives» und «Now Eleanor?s Idea» führen ihn und sein Ensemble heute rund um die Welt. Daneben ist er aber auch Komponist von Instrumentalmusik geblieben, einer spezifisch amerikanischen Art von »Neuer Musik«, die von Stockhausen ebenso weit entfernt ist wie von Michael Jackson ... oder ebenso nahe? 

Robert Ashley wird vom 3.4. bis 6.4.2006 an der HMT Zürich seine Musik vorstellen, mit Studierenden Werke erarbeiten und Kompositionsunterricht erteilen. 

Eine Zusammenarbeit mit der HMT Zürich.